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Ein Gespräch mit Juan Miguel Ferrer, Unternehmer,
Gastronom, Verbandspräsident zur aktuellen Lage

Er kennt die Playa de Palma wie seine Westentasche, ist er doch quasi dort aufgewachsen – in den Lokalen seiner Eltern wie dem berühmten Köpi-Eck (heute Bonito) oder Don Antonio (heute El Chiringuito) an der sogenannten Bierstraße: Juan Miguel Ferrer. Gemeinsam mit seinem Bruder Mika hat der studierte Betriebwirt, der schon in Boston, New York, Miami, Rom, London und auch in Deutschland gelebt hat, die Gastro-Tradition seiner Eltern fortgeführt, aber sie auch quasi komplett “gedreht”. Vor einigen Jahren wurden nach und nach alle Lokale der Ferrer-Gruppe, die sich heute zeitgemäß “Enjoy Group” nennt (es gibt zudem noch Ginger, Bikkini Beach, Chalet Siena an der Playa de Palma sowie Born 8 am Borne in Palma), modernisiert, aufgehübscht und sie erhielten neue Design- und Gastro-Konzepte. Gleichzeitig war er 2015 Gründer und Initiator von Palma Beach, einer Vereinigung von aktuell knapp 50 Firmen, Hotels und Lokalen an der Playa de Palma, die sich für eine Steigerung der Qualität einsetzen und nach und nach eine bessere Art von Tourismus anstreben. Und er ist Vizepräsident des Restaurantverbands von Mallorca. Ich sprach mit ihm anlässlich unser beider Teilnahme an der Radiosendung „¡Expresate! Kreativradio“ bei Radio Sputnik, betrieben von den EL AVISO Autoren Nermin Goenenc und Roman Hillmann.

EL AVISO: Am 10. Juli feierten etliche Touristen an der Playa de Palma etwas wilder, abstands- und maskenlos in der Bierstraße, die Bilder gingen um die Welt. Einige Tage später wurden alle Lokale der Bier- und Schinkenstraße sowie die Partymeile in Magaluf bis auf weiteres geschlossen. Sind Sie auch betroffen?
Juan Miguel Ferrer: Nein, das Bonito und das El Chiringuito liegen zwar am Anfang der Bierstraße, aber wir gehören zur Frontlinie. Das sind quasi zwei verschiedene Welten. Es sind zudem Restaurants, keine Bars. Aber wenn man vor allem die Medienreaktion und die darauf folgenden Stornierungen von Urlaubern sieht, wurden damit all unsere Entbehrungen durch den Lockdown, die Vorsicht, die eingeschränkten Gästemengen, das Befolgen der Regeln und schließlich das positive Pilotprojekt mit Touristen aus Deutschland – all das wurde damit mit einem Schlag wieder zerstört.

EA: Sind Sie mit den Maßnahmen einverstanden?
JMF: Eigentlich sollte man selektiv bestrafen, die Polizeikontrollen verschärfen. Wir müssen einen Weg finden, bei dem man feiern und die Erlebnisgastronomie genießen kann, die wir an der Playa haben, aber nicht auf Kosten der Sicherheit und nicht auf Kosten derjenigen, die von dieser Gastronomie leben – von der Toilettenfrau bis zum Direktor – und die jetzt wieder auf der Straße sitzen. Es ist auch wichtig, denjenigen, die zu uns kommen, zu vermitteln, dass sie hier feiern dürfen, jedoch auf eine andere, verantwortungsvolle Art und Weise. Urlauber sollten die schönste Zeit des Jahres genießen. Wir haben Sonne, tolle Strände, die Hotels werden immer besser ebenso wie die Restaurants. Damit halten wir mit der Playa de Palma weltweit jedem Vergleich mit anderen Destinationen stand.

EA: Wie schätzen Sie die Situation ein?
JMF: Ich verstehe ja, wenn alle feiern wollen – und zwar nicht nur Deutsche und Briten, auch die Mallorquiner, vorzugsweise jüngere Menschen, haben mit ihren illegalen Partys zu den heftigeren Restriktionen geführt. Aber 2020 ist nicht das Jahr für Feiern in großen Gruppen. Man sollte sich wieder auf wenige Freunde und die Familie besinnen.
EA: Was kann die Politik tun?
JMF: Uns helfen, konkret. Aber ehrlich gesagt reagieren sie aktuell nur hektisch und recht unorganisiert auf das, was in den Medien steht. Sie haben keinen klaren Blick auf die Lage, können das Problem nicht richtig einschätzen. Für mich ist das Oberflächen-Politik, Kosmetik-Politik. Sie berechneten uns beispielsweise auch während die Restaurants zu waren, die Müllverbrennung, kein geringer Posten. Aber wir haben kein Stückchen Müll gehabt. Wir haben für nix gezahlt. Auch das sie über Steuerreduzierung nicht mal nachdenken, ist absurd. In der Gastronomie werden voraussichtlich 30 Prozent der Lokale nicht überleben. Und das ist keine Phantasiezahl.
EA: Was kann die Vereinigung Palma Beach tun?
JMF: Ob mit oder ohne Corona, derartige Exzesse sollten zukünftig die Ausnahme bilden, nicht die Regel. Zu Anfang und auch jetzt steht dieser Gedanke bei Palma Beach im Vordergrund: Warum sollte man in einem touristischen Gebiet keine Ansprüche stellen dürfen? Nicht auch wunderbar essen können? Gehobene Hotellerie nutzen? Einen Qualitätsurlaub machen können? Man sollte nicht alle Touristen über einen Kamm scheren, bei vielen ist der Anspruch gestiegen. Diese Qualität wollen wir langfristig fördern und damit nicht nur Urlauber jeder Art – vielleicht mit Ausnahme der sogenannten “Sauftouristen” – befriedigen, sondern auch Mallorquiner. Uns ist es gelungen, dass Mallorquiner wieder an die Playa de Palma kommen, mitten ins “Feindgebiet” und hier feiern, gemeinsam mit Urlaubern aus aller Welt. Wir freuen uns über alle Gäste, ob sie mit dem Bus aus Palma oder mit dem Flugzeug aus Deutschland kommen. Jeder hat eine gute Zeit verdient. Dies scha¥en wir jedoch nicht von heute auf morgen, somit bleiben uns die “Sauftouristen” noch einige Zeit erhalten – aber es werden immer weniger. Denn, Gottseidank, “Billig” gehört nicht die Zukunft!
Das Gespräch führte Martina Zender

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