Maxi Lange ist die 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins SOS Animal in Calvià und Präsidentin des mallorquinischen Tierschutz-Dachverbandes Baldea. SOS Animal wurde vor 28 Jahren gegründet und betreut im Jahr 150 Hunde sowie 400 Katzen. Zwölf Gehege und acht Zwinger umfasst SOS Animal. Der Verein, in Kooperation mit der Gemeinde und Baldea, sterilisiert in Calvià zudem jährlich rund 600 Katzen.

El Aviso: Auf Mallorca hört man fast täglich von ausgesetzten Tieren. Wie groß ist die Not der Tiere im Vergleich zu anderen Ländern?
Maxi Lange: In den letzten zehn Jahren hat sich einiges verbessert auf der Insel. Wenn wir über ausgesetzte Hunde reden, dann sind es entweder Haustiere, die ausgesetzt werden, in Auffangstationen oder Tierheimen abgegeben werden. Die Suche nach den Besitzern oder gegebenenfalls deren Bestrafung ist seit 1999 einfacher geworden, seither muss jedes Tier einen Identifikations-Chip haben. Dabei sind wir in der Beziehung zu Tieren hier nicht auf dem Stand Nordeuropas, aber die Anzahl zum Beispiel von Hunden, die in Auffangstationen kommen, ist in den Jahren weniger geworden. Als ich hier in Calvià angefangen habe, hatten wir 600 Hunde im Jahr, jetzt haben wir 150 bis 200 Hunden, von denen 50 Prozent zurück zum Herrchen kommen, weil sie beispielweise ausgerissen sind.

EA: Die Haustiere haben auf Mallorca nicht den Stellenwert wie in Deutschland. Woran liegt die für Deutsche ungewohnt gefühlslose Beziehung?
ML: Da muss man unterscheiden. Es gibt mittlerweile einen Teil der Bevölkerung, wo das Tier ein Mitglied der Familie ist, aber leider bekommen wir immer noch Anrufe von Spaniern und Ausländern, die Missstände anzeigen, z.B. zu Hunden, die 24 Stunden auf Terrassen, ohne Sonnenschutz oder immer in kleinen Gärten oder Patios eingesperrt sind und nie Gassi gehen. In ländlichen Gebieten findet man Hunde oftmals angekettet. Dabei wird vergessen, dass der Hund ein Rudeltier ist und wenn er keine anderen Hunde hat, einen Menschen braucht, der nicht nur kommt, um ihn zu füttern. Auch die Einstellung zu anderen Tieren wie Schafen oder Pferden ist anders, die haben oft nicht ausreichend Wasser oder Futter. Ich denke aber, dass das auch eine Generationenfrage ist und es ist gerade ein Prozess des Umdenkens im Gange, das ist sehr positiv, aber etwas langsam.

EA: Es kommt immer mal wieder vor, dass Hunde und Katzen vergiftet werden, auf Mallorca wie es scheint häufiger als in Deutschland. Wie erklärt sich das?
ML: Es gibt aus meiner Beobachtung nur noch selten den Fall, das Haustiere geplant vergiftet werden. Das gab es aus meiner Erinnerung zuletzt in Sa Pobla und Pollença. Es wird eher Gift ausgelegt in den Jagdgebieten, um dort bestimmte Tiere umzubringen, unter anderem Raubvögel, was unter Strafe steht. Gift auszulegen für Katzen kommt noch vor. Das wird aber weniger, zumindest in den Dörfern, in denen kastriert wird, und die Zahl der Katzen abnimmt. Unser Verband Baldea organisiert jährlich in Kooperation mit den Gemeinden rund 1.200 Kastrationen.

Kastrations-Mobil

EA: Die mallorquinische Gesetzgebung sieht vor, Tiere in Auff angstationen nach drei Wochen zu töten. Was muss sich hier ändern?
ML: Die für Tierschutz zuständig sind die Gemeinden, die müssen die Hunde und Katzen von der Straße holen und sie dann 21 Tage behalten. Hat das Tier keinen Chip, sind es 16 Tage. Nach 21 Tagen dürfen dann die Tiere eingeschläfert werden. Aber alle Auff angstationen versuchen, diese Zeitspanne zu verlängern, um das Tier zu vermitteln, was nicht immer so schnell geht. Die Tiere bleiben oft drei oder vier Monate in den Auff angstationen. Was dort fehlt, ist eine bessere Infrastruktur und qualifi zierte Betreuung. Beispielsweise sind die Zwinger meist klein, weil sie dafür gedacht sind, dass man das Tier 21 Tage hält und dann einschläfert. Die eigentlich notwendigen Bauten für die Tierheime durfte man bislang nur mit einer besonderen Genehmigung errichten und die hat man so gut wie nie bekommen. Jetzt ist ein neues Bebauungsgesetz herausgekommen, in dem geregelt ist, dass man kleine Tierheime bis zu 20 Hunden und 50 Kleintieren im Schnellverfahren beantragen und bauen kann.

EA: Ist denn schon abzusehen, was sich mit der alten und zugleich neuen Regierung ändert?
ML: Es wird wohl eine Koalition zwischen den Linksparteien und wir hoff en, dass es in den nächsten vier Jahren zu einem neuen Tierschutzgesetz kommt. Ich denke sogar, das ist im Sinne aller Parteien ist. Denn alle Parteien sehen ein, dass unser Gesetz von 1992 veraltet ist. Wenngleich man sagen muss, dass dieses Gesetz auch nicht gelebt wurde, die Inspektionen wurden nicht ausreichend gemacht, die Tierhalter haben sich oftmals nicht an das Gesetz gehalten. Wichtig ist, dass wir jetzt ein Gesetz bekommen, dass sinnvoll ist und auch umgesetzt wird. Es gibt zudem Gemeinde-verordnungen, die mittlerweile besser als das Tierschutzgesetz sind. Calvià schreibt für Katzen beispielsweise eine Sterilisation und einen Chip bei den Hauskatzen vor, was auch unsere Arbeit die Straßenkatzen zu kontrollieren sehr erleichtert.
EA: Wie ist der Tierschutz auf Mallorca organisiert und wie fi nanzieren sie sich?
ML: Jede Gemeinde möchte gerne einen Tierschutzverein vor Ort haben, mit dem sie zusammenarbeitet. Auch Dank Baldea haben wir erreicht, dass in den Gemeinden vor allem Tierschutzvereine, meist für Katzen, gegründet wurden. Die Finanzierung setzt sich bei den Vereinen zusammen aus Gemeindesubvention, Zuwendungen von Kooperationsvereinen, Spenden und Schutzgebühren, die bei SOS Animal 120 Euro für eine Katze und 190 Euro für einen Hund betragen.


EA: Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus? Wie kommen die Tiere zu Ihnen? Welche Rolle spielt die medizinische Versorgung?
ML: Wir nehmen hauptsächlich die Tiere aus der Auffangstation oder von Privatleuten aus der Gemeinde Calvià auf, vorausgesetzt wir haben Platz. Das hat bisher gut geklappt. Die Auff angstation kann dann wiederum Tiere aufnehmen. Die Tiere werden dann von der Gemeinde gechipt und geimpft, wir zahlen die Gebühr der Gemeinde und die Tiere kommen bei uns in die Quarantäne, werden entwurmt, entfl oht und kastriert. Dieser Ablauf macht es auch rechtlich möglich, dass die Tiere mit einem Protokoll und ent-sprechenden Formalitäten von uns aus zu einem Tierschutzverein nach Deutschland verschickt werden können.
EA: Wenn ich mir bei Ihnen oder einer anderen Organisation ein Tier hole, worauf muss ich achten und kann ich es nach Deutschland mitnehmen?
ML: Man muss zunächst einmal grundsätzlich schauen, ob die eigene Vorstellung passt. Es bringt nichts, einen Hund zu haben, wenn man den ganzen Tag nicht im Haus ist, Katzen können da pflegeleichter sein. Vor der Entscheidung sollte man sich mit dem Tier beschäftigen, mit ihm vom Tierheim aus spazieren gehen, es kennenzulernen. Und man sollte wissen, dass es ein Tier aus dem Tierschutz ist, das vieles erlebt haben kann, ein wenig Erziehung und Zeit braucht und an dass man sich viele Jahre eng bindet. Ansonsten sind die Tollwut-Impfung und der Chip obligatorisch auf der Insel, aber auch zum Reisen. Will ich das Tier mit nach Deutschland nehmen, muss die Impfung 21 Tage alt sein. Das ist das Wichtigste, wenn man das Tier mitnehmen will. Übrigens gibt es derzeit ein großes Problem: Viele Fluglinien nehmen keine Tiere mehr im Frachtraum zur Insel und von der Insel mit. Besucher kommen nicht mehr auf die Insel, weil sie ihre Tiere nicht mitnehmen können

EA: Wie sieht es mit der Sprache aus, ich habe gehört einige Tiere verstehen nur katalanisch…
ML: Insbesondere auf Jagdhunde kann das zutreffen. Aber grundsätzlich gilt: Wenn das Tier den Menschen mag, will es dem Menschen gefallen und dann kommt die Verständigung von alleine.
EA: Gibt es etwas, dass sie gerade am besonders ärgert…
ML: Die Mietverträge für Wohnungen sind ein großes Problem mit dramatischen Folgen. Die Leute müssen ihre Tiere nach vielen Jahren abgeben, weil die meisten Vermieter Tiere verbieten. Wir hatten gerade so einen Fall eines südamerikanischen Ehepaars, das mir sehr leid tat. Baldea versucht, dass wenigstens in Sozialwohnungen Tiere zugelassen werden. Es kann nicht sein, dass die Regierung große Anzeigen in den Zeitungen aufgibt mit dem Inhalt „Adoptieren sie Tiere“ und dann gibt es keine Möglichkeit, mit diesen Tieren irgendwo zu leben.
EA: Und wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie entwickelt sich der Tierschutz auf Mallorca?
ML: Die ausgesetzten und abgegebenen Hunde werden langsam weniger. Das ist gut. Die Haltung muss sich aber noch verbessern. Vergleichbar mit Deutschland kommen immer mehr große oder auch unerzogene Tiere zu uns, denn die unproblematischen gibt man nicht weg.

SOS Animal: www.sos-animal-mallorca.org Baldea: www.baldea.org
Das Gespräch führte Frank Heinrich, Fotos: Diego Blanco

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