Wer sich in der Osterwoche (ab Palmsonntag 14. April) eine der zahlreichen Prozessionen anschaut, kann sich – ob religiös oder nicht – der eigentümlichen Faszination dieses Rituals nicht entziehen. Da ziehen die verschiedenen Bruderschaften (Cofradías), gewandet in die traditionellen Kutten mit den spitzen Kapuzen, die nur für die Augen einen Sehschlitz offen lassen, und den brennenden Kerzenstäben stundenlang durch die Stadt oder die Dörfer. Teilweise führen sie auch prunkvoll mit vielen Blumen geschmückte Christus- oder Marienfiguren mit, die sogenannten Pasos. Einige werden getragen, andere geschoben. Zu den Trägern zu gehören ist Auszeichnung und Last zugleich, denn die Figuren sind zentnerschwer, wer darunter steckt, kann nichts sehen. Da kommt es auf Gleichschritt an, den Takt bestimmen die Trommeln. Gänsehautfeeling pur.

Bruderschaften & Prozessionen
Die Prozessionen an Gründonnerstag (Cristo de la Sang) und Karfreitag (Santo Entierro) in Palma sind die umfangreichsten mit der größten Beteiligung, da kommen etwa 4.000 Teilnehmer zusammen. Insgesamt gibt es auf Mallorca an die 300 Bruderschaften, allein in Palma über 30, die in einer gemeinsamen Vereinigung vertreten sind. Die älteste wurde 1902 gegründet, nachdem einige Mallorquiner durch einen Besuch in Sevilla dazu animiert wurden: die Cofradía Cruz de la Calatrava. Die Routen basieren auf einem alten Ritual: In Palma gab es verschiedene Klöster, deren Nonnen das Haus nicht verlassen durften. Daher ging man alle Klöster ab und hielt kurz bei jedem mit seinen Figuren inne, damit die Nonnen beten konnten. Auch wenn die Sitten der Klöster heute ein wenig lockerer sind, so blieb es doch in etwa bei dem Weg. Auf Grund einer Reduzierung gibt es aktuell nur noch knapp 10 Prozessionen in Palma, hinzu kommen Prozessionen in anderen Orten der Insel. Schön: Am Ostersonntag findet die eher fröhlich gestimmte Prozession der Begegnung statt. In Llucmajor beispielsweise gibt es zunächst im Kloster Sant Bonaventura einen Gottesdienst, dann gehen die Frauen zu einer anderen Kirche (San Miguel), von wo aus sie als Gruppe die Statue der Jungfrau Maria zum Rathausplatz begleiten. Die Männer wiederum begleiten von der ersten Kirche die Statue von Jesus zum Platz. Dort gibt es dann die “Begegnung” des auferstandenen Jesus mit seiner Mutter.

Mit Frauen und Kindern
Eigentlich ist das Ganze Männersache, aber es gibt seit den 80er Jahren auch etliche Frauen darunter, die die Mitgliedschaft sozusagen von ihren Vätern geerbt haben. Und es gibt auch viele Kinder, die die kilometerlangen Umzüge mitmachen, die sogenannten Ministranten (monaguillos). Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Wachs nicht auf die Straße tropft. Das gelingt meistens, aber nicht immer. Nicht zuletzt deshalb sind die Prozessionswege meist mit Sand bestreut.
Mit oder ohne Tanz
In Andalusien werden Klagegesänge angestimmt und die Heiligenstatuen werden sogar rhythmisch von der Trägergruppe bewegt und gedreht. Das wurde zeitweise auch hier gemacht und sah stets eindrucksvoll aus, aber entspricht nicht den Riten Mallorcas. Nach einem Streit vor ein paar Jahren haben sich die Wogen zugunsten der hiesigen Nüchternheit geklärt und auch der Gesang ist verboten. Positiver Nebeneffekt: Durch die Drehungen kam es immer wieder zu Stockungen, die die ohnehin langen Prozession verzögert hatten. Allerdings werden immer wieder Stimmen laut, die eine Öffnung in Richtung der andalusischen und weitaus älteren Tradition propagieren.

Ein teures Vergnügen
Wer sich zu einer Mitgliedschaft in einer Cofradía entscheidet beziehungsweise die Chance bekommt, aufgenommen zu werden, muss zunächst tief in die Tasche greifen, denn eins dieser Büßergewänder kostet ohne Extras über 500 Euro. Und auch die Instandhaltung der Heiligenfigur, der Kauf einer neuen Figur und deren Dekoration wird von den Mitgliedern finanziert.
Weitere Oster-Highlights
Eindrucksvoll ist auch das alljährlich veranstaltete Passionsspiel (Via Crucis) am Karfreitag-Mittag auf den Treppen unterhalb der Kathedrale durch die Gruppe Taula Rodona. An Karfreitag lohnt allerdings auch ein Ausflug nach Pollenca. Dort wird die Kreuzabnahme (Davallament) auf den 365 Stufen hoch zum Puig de Calvari im Fackelschein zelebriert.

Und schließlich sollte man sich den feierlichen Ostergottesdienst in der Kathedrale in Palma nicht entgehen lassen. Dies sagt sich auch regelmäßig die königliche Familie, die traditionell, aber mittlerweile in wechselnder (und kleinerer) Besetzung daran teilnimmt

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