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Zähne zusammenbeißen und lächeln! Egal, ob die Nummer gelingt oder nicht. Selbst wenn das Einrad kippelt, die Trapezkünstlerin einen Krampf hat oder die Jonglierbälle einfach nicht oben bleiben wollen. Lächeln ist oberstes Gebot für Akrobaten. „So merkt das Publikum gar nicht, dass du einen Fehler gemacht hast“, impfen die Zirkuslehrer ihren Schülern ein. Die Großen haben dieses Mantra bereits verinnerlicht. Sie strahlen in der Trainingshalle, als würden sie ihre Kunststücke vor applaudierenden Zuschauern vorführen. Auch bei der zwanzigsten Wiederholung erscheint kein Ausdruck der Mutlosigkeit auf ihrem Gesicht – aufstehen, Krönchen richten, weitermachen. Bei der Zirkusschule Circo Stromboli in Palma lernen die Eleven nicht nur atemberaubende Kunststücke, sondern auch wertvolle Lektionen für’s Leben.

La Seu als Kulisse und der Parc del Mar als Bühne. Elegante Akrobatik von Larissa Biasini (o.) Silvana Biasini (l.) und Paula Rocca Skolman.

Erinnerung an das fahrende Volk
Geführt wird Circo Stromboli von einer internationalen Crew. Silvana Biasini (41) stammt aus einer italienisch-irischen Zirkusfamilie, ihr Mann Jirka Valla (43) hat tschechische Wurzeln und ebenfalls Zirkusblut in seinen Adern. Die dritte im Bunde ist Paula Rocca Skolman (46) aus Norwegen, die in einer Theaterfamilie groß geworden ist. An der Wand im Eingangsbereich hängen nostalgische Fotos von Clowns, Akrobaten und Schauspielern aus den Familienalben der drei. Wer hier zum Training oder zum Zuschauen kommt, gerät unweigerlich in den Sog der Faszination, mit der sich seit Generationen der Ruf des Zirkuslebens verbindet. Das fahrende Volk, das durch die Welt tingelt und die Menschen zum Staunen bringt: Biegsame Leiber, scheinbar schwerelos in der Manege schwebende Gestalten, absolute Körperbeherrschung. Und dazu dieses eingeschworene Gemeinschaftsgefühl einer Truppe, die dem „bürgerlichen“ Leben den Rücken kehrt. So etwas wie ein Aussteigertraum, den man mit einem Schnupperkurs zumindest mal antesten kann. Denn ein bisschen von all dem atmet die Atmosphäre im Circo Stromboli, wenn sich talentierte Kinder und ambitionierte Erwachsene hier zu ihren Übungsstunden treffen.

Silvana Biasini mit einer der jüngsten Schülerinnen in der Zirkusschule.

Akrobatik geht in jedem Alter
Umarmungen zur Begrüßung, High-Five mit Jirka, Küsschen für die Trainerinnen. Und schon beginnt der harte Teil des Tages. Nach der Aufwärmgymnastik am Boden geht es los mit den akrobatischen Figuren, von denen manche schon beim Zuschauen weh tun. Die Klassen sind in Altersgruppen unterteilt. Insgesamt 160 Kinder und 90 Erwachsene kommen regelmäßig, um sich als Hobby-Artisten zu profilieren. Oft sind sogar komplette Familien hier vertreten, denn Zirkusluft steckt an. Zuerst kommen die Minis, dann will Mama es auch mal versuchen und schließlich packt Papa ebenfalls die Lust an dem Ausnahmesport. Den Frauen haben es vor allem die Übungen am Aerial Silk angetan. An den farbigen Tüchern, die von der acht Meter hohen Decke hängen, vollführen sie mit komplizierten Wicklungen, Spagat und Über-KopfFiguren elegante Choreographien. „Das Training an den Bändern schult Stärke, Flexibilität und Koordinationsvermögen“, erklärt Gabriele Becker. Die 61jährige Immobilienkauffrau war zunächst Schülerin bei Circo Stromboli und ist mittlerweile selbst Trainerin. „Akrobatik geht in jedem Alter“, versichert sie. „Manche fangen mit über fünfzig erst an und nach einem Monat sieht man schon Erfolge.“

Paula Rocca Skolman unterrichtet im Pole Studio des Circo Stromboli .

Die Höhenangst besiegen
Beileibe nicht jeder, der zum Training kommt, will sich als Artist selbstständig machen. Zwar geben Silvana, Jirka und Paula ihren Eleven auch das Rüstzeug dafür mit, in Shows aufzutreten. Aber die Gründe, sich in die ÜbungsManege zu begeben, sind weitaus vielfältiger. „Manche kommen, weil sie fit werden wollen und keine Lust auf Mannschaftssport oder Fitnesscenter haben“, erklärt Jirka. „Andere wollen sich besonderen Herausforderungen stellen und zum Beispiel ihre Höhenangst bekämpfen.“

Nicht aufgeben, immer weiter machen
Inzwischen beginnt draußen auf dem Gelände die nächste Klasse mit Übungen auf dem Einrad. Während die Könner bereits zu viert im Kreis fahren oder die kleine Treppe hinauf hüpfen, versucht eine Anfängerin Balance zu halten. Sie klammert sich am Zaun fest und trotzdem wackelt das kleine Gefährt unter ihr. Kurz vor dem drohenden Sturz springt sie ab, nimmt ihr Rad, geht auf Los zurück und beginnt von vorn. Was für eine Charakterschule! Nicht aufgeben, immer weiter machen. Dafür gibt es auch Beifall von allen, wenn ein Manöver endlich gelingt, mit dem man sich ewig herumgequält hat. Herausgekitzelt wird der Ehrgeiz bei diesem Sport vor allem vom Spieltrieb, der dabei freigelegt wird. Beim Circo Stromboli treffen sich normale erwachsene Menschen, die offensichtlich einen Riesenspaß daran haben, auf Stelzen über die Straße zu staksen, mit dem Einrad zu hopsen oder nach Sprüngen auf dem Trampolin die Wände hochzugehen. Endlich kann man dem inneren Kind mal Auslauf geben!

Schüler und Lehrer der Zirkusschule Circo Stromboli in Palma de Mallorca.

Aufgewachsen im Zirkuswagen
Die besten Zirkus-Laien dürfen irgendwann Auftritte absolvieren. Dass hinter all den Kunststücken monatelange harte Arbeit steckt, sieht man den Show-Acts dann nicht mehr an. Auch die Trainer schnuppern regelmäßig Bühnenluft. Als eingespieltes Team und in wechselnder Besetzung treten Silvana, ihre Schwester Larissa, Paula und Jirka mit unterschiedlichen Programmen auf, auch bei Privatveranstaltungen. Silvana schneidert die glitzernden Fantasiekostüme selbst, das hat sie von ihrer Mutter gelernt. Und dieses Talent wird sie sicher an ihre Kinder weitergeben. Das Akrobaten-Gen haben die beiden sowieso geerbt, auch wenn sie nicht mehr durch die Lande ziehen. „Wir sind noch im Zirkuswagen groß geworden“, sagt Jirka. „Wenn du da morgens das Fenster aufmachst, guckst du immer auf eine andere Landschaft. Wohnst du in einem Haus, siehst du jeden Tag das gleiche.“ Die Sesshaftigkeit haben er und seine Frau trotzdem freiwillig gewählt. Damals waren sie mit ihrer Akrobatik-Show auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs, als Silvana schwanger wurde. Sie gingen in Mallorca von Bord – und blieben auf der Insel. Ihr Sohn ist inzwischen dreizehn, ihre Tochter sieben Jahre alt. Die Zirkusschule Circo Stromboli gründeten Silvana und Jirka 2006. Der Name ist Reminiszenz an den gleichnamigen Vulkan in Italien und an den Puppenspieler Stromboli aus der Pinocchio-Geschichte. Vermissen sie es nicht, das aufregende Zirkusleben ihrer Kindheit? „Wir wissen aus Erfahrung, wie schwer das hinter den Kulissen ist. Unser jetziges Leben hat auch seine Vorteile. Außerdem müssen immer mehr Zirkusse wegen geringer Zuschauerzahlen schließen“, erklärt Jirka. „Sogar Giganten wie Ringling geben auf.“

Mit Hilfe des Trampolins geht ein Zirkusschüler mühelos die Wände hoch.

Die Schwerkraft überlisten
Die Zirkusse mögen sterben, ihr Geist aber lebt weiter. Zum Beispiel in der Lagerhalle in Palmas Gewerbegebiet Poligono Can Valero, wo die Zirkusschule Circo Stromboli garantiert nicht mit Nachwuchssorgen zu kämpfen hat. Im Pole-Studio übt Paula jetzt mit ein paar Teenagern, dass der Kraftakt an der Stange am Ende wie elegantes Schweben aussieht. Silvana zeigt zwei Schülerinnen eine neue Übung am Reifen und Jirka bringt einer Gruppe Mädchen die Tricks beim Jonglieren bei. Und dabei lächeln natürlich alle, als wäre das Überlisten der Schwerkraft ein Kinderspiel.

Circo Stromboli Palma,
Calle de Prudenci Rovira 22
deutschsprachige Lehrer (Jirka und Gabriele)
Schnupperkurs möglich Preise: ab 27 € im Monat für 1 Stunde pro Woche www.circostromboli.com
Shows für Privatveranstaltungen Fotos und Videos auf Instagram: @strombolieventsmallorca Buchungen: +34 626 60 63 22


Christiane Sternberg. Fotos: Marcos Gittis

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