Mallorcas Weihnachtsbräuche

Vom Scheißerchen bis zur Sibil·la mit dem Schwert

Es muss ja nicht immer Tannengrün und Gänsebraten sein. Wer Weihnachten auf der Insel verbringt, entdeckt jede Menge charmante Traditionen, die durchaus das Zeug dazu haben, liebgewordenes deutsches Brauchtum zu toppen.

Festliche Atmosphäre verbreitet sich schon seit Ende November in Palma, wo das Einschalten der stimmungsvollen Weihnachtsbeleuchtung jedes Jahr vor Tausenden jubelnden Zuschauern als Show inszeniert wird. In diesem Jahr sind noch mehr Straßen in den Außenbezirken mit LED-Lichterketten illuminiert, so dass sich der Adventszauber nicht nur auf die historische Altstadt beschränkt.
Statt bunter Kugeln sind neules (Schneeflocken) die Zierde des weihnachtlichen Mallorca. Die kunstvollen weißen Scherenschnitte hängen als zarte Dekoration in Schaufenstern und zu Tausenden als schwebender Schmuck in der Kathedrale. Die filigranen Gebilde, so sagt man, symbolisieren die Spinnweben im Stall zu Betlehem. Neules nennt man aber auch leckere dünne Waffelröllchen. Zur weihnachtlichen Gemütlichkeit gehört auch ein flackernder Kamin. Früher spielte noch ein dicker Baumstamm (tió) außerhalb der Flammen eine wichtige Rolle. Er wurde mit einer Decke umhüllt, unter der die Eltern Süßigkeiten versteckten. Die Kinder klopften auf das Holz und riefen „Tió, caga torró!“ Dann „kackte“ (cagar) der Stamm leckere Turrónes.

 

Das Scheißerchen in der Krippe

Weihnachten ohne Krippe (betlem) ist in einem mallorquinischen Haushalt nicht denkbar. Sie nimmt die gleiche symbolträchtige Rolle ein wie bei uns der Weihnachtsbaum. Besucht man einander in der Weihnachtszeit ist die erste Frage: „Heu fet Betlem?“ Habt Ihr die Krippe schon aufgestellt? Die Neugier ist berechtigt, denn es gibt viel zu sehen: Nicht nur die Heilige Familie, sondern auch inseltypische Landschaften inklusive Windmühlen, arbeitender Landbevölkerung und sogar Strandszenen. Irgendwo versteckt findet sich meist auch ein Scheißerchen (caganer), der in einer geheimen Ecke sein Geschäft verrichtet. Mittlerweile ist es nicht nur wie anfänglich ein Bauer, sondern Promis aller Art werden mit blankem Hintern und dem kleinen Kothaufen darunter produziert. Da gibt es Frau Merkel ebenso wie Donald Trump oder den Papst, Fußballstar Messi wie Mick Jagger oder die jüngst verstorbene Operndiva Montserrat Caballé, die englische Queen und sogar den spanischen König. Dahinter steckt wohl die Idee, dass jeder Mensch, ob arm oder reich, ob unbekannt oder berühmt, mal ‚muss‘. Ein geflügeltes Wort in Mallorca besagt: „Es betlem, es foc i la mar / Sempre tenen que mirar!“ (Der Krippe, dem Feuer und dem Meer könnte man ewig zuschauen.) Die prächtigsten Krippen-Kunstwerke sind in Kirchen und öffentlichen Gebäuden zu bewundern, wo oft auch Führungen angeboten werden.

El Gordo

Der Dicke
Natürlich hoffen am 22. Dezember auch die Mallorquiner auf einen Gewinn bei der spanischen Weihnachtslotterie El Gordo (der Dicke), die es schon seit 1812 gibt und die jedes Jahr live im Fernsehen übertragen wird – mit Einschaltquoten von bis zu 90 Prozent. Bei der ältesten und größten Lotterie der Welt stehen immerhin 2,3 Milliarden Euro zur Ausschüttung bereit. Ganze Dörfer schließen sich zu Tippgemeinschaften zusammen, jeder kauft ein Zehntellos (décimo), denn ein ganzes kostet stolze 200 Euro. In der Noche buena am 24. Dezember setzt nicht die Bescherung den Glanzpunkt, sondern die Mitternachtsmesse – auch wenn heutzutage den Kindern ein Teil der Geschenke bereits an diesem Abend übergeben wird. Die Misa de Gallo (Messe des Hahns) ist benannt nach dem Krähen, das die Geburt Jesu verkündete. In vielen Kirchen erklingt dabei der Gesang der Sibil·la, die einst das Erscheinen von Gottes Sohn weissagte. Vorgetragen wird das berührende Lied von einem Kind, das ein Schwert vor sich her trägt. Diese uralte Tradition ist auf Mallorca seit fast 800 Jahren Teil des weihnachtlichen Kirchenrituals und von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit gekürt worden.

 

 

 

 

 

 

Die Drei Könige

Den spektakulären Höhepunkt erlebt das mallorquinische Weihnachtsfest beim Einzug der Heiligen Drei Könige am Vorabend des Día de los Reyes Magos (Dreikönigstag am 6. Januar). Mit Feuerwerk und Musik werden die Reyes Magos am Abend des 5. Januar am Hafen von Palma in Empfang genommen. Festwagen bilden den Geleitzug, der durch die Zuschauermenge zieht wie eine echte Karawane. Die bunte Pracht und die fliegenden caramelos (Bonbons) erinnern dabei ein wenig an Karnevalsstimmung in Deutschland. Auch in den anderen Küstenorten kommen die Weisen aus dem Morgenlande per Schiff, im Inland auf Pferden, Eseln oder zur Not mit dem Traktor. Hauptsache, sie verteilen endlich die Geschenke an die sehnsüchtig wartenden Kinder.
Christiane Sternberg

 

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