Teil 1 unserer neuen Kurzgeschichte

Unheimliches Wissen

Bei der Beerdigung ihres Onkels, er ist der älteste Bruder ihrer spanischen Mutter, hat Amalia ein Schlüsselerlebnis, das ihr ganzes weitere Leben bestimmen und beeinflussen wird. Sie ist dreizehn Jahre alt.

Auf dem Friedhof der kleinen Berggemeinde nahe dem Kloster Lluch ist die Trauergemeinde versammelt, um Abschied zu nehmen. Nach der Aussegnung war der Sarg in die Gruft geschoben worden. Als der jüngste Bruder von Amalias Mutter vor der Gruft niederkniet, um von seinem Bruder Abschied zu nehmen, entfährt der Dreizehnjährigen ein Satz, der allen, die in der Nähe standen, das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Der geht als Nächster“, sagt sie und zeigt auf den Onkel, der sie mit versteinerter Miene anstarrt. Amalia, die diese Beerdigung, es ist die erste in ihrem Leben, mit hellwacher Neugierde verfolgt und keineswegs Bedrückendes empfindet, bekam von ihrer Mutter zu ihrem Entsetzen eine fürchterliche Ohrfeige versetzt.

Der Magendurchbruch

Sieben Jahre später, Amalia ist mittlerweile Stationsschwester in einem Kölner Klinikum, widerfährt ihr bei der Chefarztvisite im großen Kollegenkreis wieder das Unerklärliche. Schockiert „sieht“ sie plötzlich, dass dem Patienten ein lebensbedrohender Magendurchbruch droht. Entsetzt vernimmt sie, wie der Chefarzt während ihrer Wahrnehmung erfreut von einem raschen Abheilen der Magengeschwüre plaudert und die baldige Entlassung des Patienten in Aussicht stellt. Amalia gerät derart aus der Fassung dass sie dem Chefarzt in Spanisch, ihrer zweiten Muttersprache, widersprach und sich eine peinliche Zurechtweisung einhandelt. Um Fassung ringend bleibt sie allein in dem Krankenzimmer zurück. Weinend blickt sie aus dem Fenster als plötzlich die Bilder von der Beerdigung des Onkels auf Mallorca vor ihr auftautauchen. In diesem Moment zuckt eine furchterregende Erkenntnis durch ihren Kopf…

Kampf mit dem Chefarzt

Amalia ängstigt die Tatsache Dinge zu sehen, die andere nicht einmal erahnen, geschweige denn diagnostizieren können. Aber dabei übersieht Amalia das beträchtliche Konfliktpotenzial, dem sie sich durch die Pflicht zur Hilfe aussetzt. Ein junger Stationsarzt sucht sich ihrer anzunehmen und mäßigend auf sie einwirkt. Dies auch in der Hoffnung sie davon abzubringen den Ärzten künftig mit ihren Erkenntnissen auf die Nerven zu gehen. Aber er ist auch interessiert, zu erfahren, was tatsächlich hinter Amalias Wahrnehmungen steckt. Zwischen dem Chefarzt und der Stationsschwester Amalia sinkt die Kommunikationsbereitschaft auf den Nullpunkt, als der besagte Magen-Patient wenige Tage nach dieser für sie so denkwürdigen Visite auch tatsächlich verstirbt. Auf dem Totenschein liest Amalia „Herzversagen“.

Der Sportunfall

Zwar wagt der Chefarzt es nicht, sie von der Visite auszuschließen, aber die Blicke zwischen beiden lassen den kommenden Krieg ahnen. Für Amalia steht auf sehr naive Weise ihr unbedingter Wille helfen zu wollen, helfen zu müssen im Vordergrund. Die Gefahr, die ihr hieraus erwächst erkennt sie allerdings nicht. Als der „Sportunfall“ auf ihre Station kommt erkennt sie den Versuch sie von diesem Patienten fernzuhalten. Aber als Stationsschwester war sie mit ihrer profunden spanischen Ausbildung, der besten in Europa, zu wichtig, als das man es sich leisten konnte sie einfach kaltzustellen. Als Amalia schließlich – nach der ersten Untersuchung und der darauf erfolgten Diagnose – Gehirnerschütterung mit schwerer Genickstauchung – an der Abendvisite beteiligt wurde, wird sie vom Chefarzt ungewöhnlich unfair provoziert. Höhnisch warf er ihr seine Diagnose, gewissermaßen zur nachträglichen Begutachtung, vor die Füße. Amalia tut jetzt das, was sie tun muss. Es ist bei ihr ein Zwang.

Sie muss sagen was sie weiß, was sie „sieht“. Und so macht sie auch in diesem Fall aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie sucht den Blickkontakt zu ihrem Chef und sagt: “Blut fließt langsam in seinem Kopf, langsam und sammelt sich“. Sie bleibt ohne Reaktion. Dem Professor schien es unter seiner Würde zu sein darauf eine Antwort zu geben. „Der Mann steht in drei Tagen wieder auf dem Platz“ sagte er verächtlich in die Runde.

Nur eine Operation könnte helfen

Nach zwei Tagen jedoch verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Jungen. Die Stationsschwester geht durch die Hölle, sie muss mit ansehen, wie der Patient förmlich falschem ärztlichen Ehrgeiz geopfert wird. So sieht sie es und das sagt sie auch dem Stationsarzt, ihrem jungen ärztlichen Freund. Die Dramatik, mit der sie versucht, ihm begreiflich zu machen, das hier nur noch eine schnelle Operation das Leben des Jungen retten könne, beeindruckt ihn zwar, aber er wagt sich nicht in die Behandlung seines Chefs einzumischen, geschweige denn dagegen zu opponieren, wie dies im Übrigen alle anderen aus dem Ärztekollegium auch nicht tun. Verzweifelt fordert Amalia vom Stationsarzt das Leben des Jungen zu retten: “Sie haben doch einen Eid geschworen, Doktor Runge. Wenn nicht sofort etwas geschieht, überlebt er diese Nacht nicht mehr“. Nachsichtig lächelnd, es war mehr eine Flucht des Arztes in diese Unverbindlichkeit, sagt er nur: “Nun machen Sie aber mal einen Punkt. Wir Ärzte wissen noch immer, was wir tun müssen und was nicht“ und ließ sie stehen.

Als sie am nächsten Morgen auf ihre Station kommt führt sie ihr erster Weg in das Zimmer des Jungen: Sein Bett ist leer. Wie betäubt starrt die Stationsschwester auf das leere Bett, als sich langsam Angst ihrer bemächtigt und verzweifelt hört sie sich wieder spanisch sprechen: “Wenn das so weiter geht, bist Du bald reif“. Sie lässt ihre Tränen laufen. „Das wird nicht leicht“, sagt sie etwas lauter zu sich, reißt sich zusammen und betritt wieder die Station, ohne ihr Gesicht in Ordnung gebracht zu haben.

Fortsetzung folgt…

- Anzeige -