Wo noch die Allianz zwischen Tradition und Moderne geschmiedet wird. Baumärkte gibt es zwar an jeder Ecke, aber Toni Más (47) aus Sineu stellt Werkzeuge noch immer per Hand her. Kunden gibt es reichlich und es werden wieder mehr, denn Qualität kommt nie aus der Mode.

Scheppern gehört zum Handwerk. So klingt es jedenfalls, wenn man die Schmiede „Eines Mallorquines“ in Sineu betritt. Aus dem hinteren Teil der Werkstatt dröhnt es wie Donnergrollen, als Bleche geschnitten werden, und im Vordergrund rumst der Schmiedehammer auf den Amboss. Toni Más, Schmiedemeister in dritter Generation, ist Publikum bei seiner Arbeit gewöhnt. „Vor allem mittwochs, wenn Markt ist, drängen sich die Schaulustigen vor der Werkstatt und gucken zu“, schmunzelt er. Derzeit seien es coronabedingt natürlich weniger, aber das Interesse ist ungebrochen. Die Leute bestaunen die Herstellung eines Hammers oder einer Axt wie ein Zauberkunststück. Massenproduktion und aussterbende Berufe haben dazu geführt, dass kaum noch jemand die Herkunft der Dinge kennt, die uns umgeben. Statt altes Handwerk im Museum zu bestaunen, kann man jedoch durchaus dort hingehen, wo es noch lebendig ist.

Toni Mas in seiner Schmiede in Sineu.

Sie hatten schon immer mehrere Eisen im Feuer

Seit 1926 betreiben die Männer der Familie Más die Schmiede. Als Tonis Großvater den Betrieb gründete, spezialisierte er sich auf alle Arbeiten, die mit Pferdefuhrwerken zu tun hatten – von Hufbeschlag bis Wagenbau. Als die nächste Generation in den 1960er Jahren die Werkstatt übernahm, spielten auf den Straßen und Feldern die Ein-PS-Gefährte kaum noch eine Rolle. Also konzentrierte sich Tonis Vater schon damals auf die Herstellung von Werkzeugen, die in der Landwirtschaft und im Baubetrieb zur Grundausstattung gehören. Mit 16 Jahren stand dann auch Toni an der Esse und holte die Eisen aus dem Feuer. In den vergangenen 31 Jahren seiner Tätigkeit ist aus dem gewöhnlichen Geschäft eines Grobschmieds ein seltenes Traditionshandwerk geworden. „Auf Mallorca bin ich wohl der einzige Schmied, der noch Werkzeuge herstellt“, vermutet Toni Más. Seine Stammkundschaft rekrutiert sich aus der näheren Umgebung, aber Toni denkt nicht nur lokal. Dank seiner Website liefert er die handgemachten Werkzeuge auch inselweit an Eisenwarenläden und aufs spanische Festland. „Die Leute wissen Qualität zu schätzen. Außerdem steigt das Interesse an handgefertigten Gerätschaften wieder.“ Darin bestätigt sich die Lebens- und Geschäftsweisheit, die Tonis Vater ihm hinterließ, bevor er vor drei Jahren starb: „Es gibt Zeiten, da wollen die Leute alles billig. Aber wer diese Phase durchhält, der kommt wieder hoch. Das geht alle sieben bis acht Jahre auf und ab. Und er hatte tatsächlich Recht.“

Jeder ist seines Glückes Schmied

Die Rückbesinnung der Menschen auf langlebige Werte, ein wachsendes Gefühl der Achtsamkeit und der Wunsch nach Stabilität sind zum Trend geworden. Mit dem Ergebnis, dass die Nachfrage nach soliden Handwerksprodukten einen Boom erlebt. Toni Más hat durchgehalten und er bedient die Ansprüche seiner Kunden sogar mit einem eigenen Branding. Als Gütesiegel bekommt jedes Werkzeug, das seine Werkstatt verlässt, ein Markenzeichen verpasst: „Toni Mas – Eines Mallorquines“. Jeder Hammer ein Designerstück, wenn man so will. Wer in die Schmiede kommt, kauft entweder ein fertiges Stück aus dem Regal, oder er lässt sich sein Werkzeug maßschneidern. So wie die Marger, die Baumeister der Trockensteinmauern. Je nach Gesteinsbeschaffenheit auf der Insel brauchen sie das gleiche Werkzeug in unterschiedlichen Größen und Qualitäten. „Da sind wir gegenüber einer industriellen Produktion ganz klar im Vorteil“, erklärt Toni Más. „In unserer Werkstatt lassen sich verschiedene Variationen eines Werkzeugs herstellen und individualisieren, ohne dass wir eine ganze Produktionsreihe umstellen müssten.“ Und trotzdem kann die Schmiede mit den Baumarktangeboten im mittleren Preissegment mithalten. Jedes Werkzeug, so erklärt der Meister, entsteht in zehn Schritten. „Davon lassen sich durchaus ein paar überspringen, ohne dass es ins Auge fällt. Das machen diejenigen Unternehmen, die mit so einer Kostenersparnis wettbewerbsfähig bleiben wollen. Aber die Qualität des Endprodukts leidet darunter und deshalb kommt so etwas bei uns nicht infrage.“ Auch wenn die Sparte Werkzeugmacherei der Schmiede aus diesem Prinzip heraus eher unrentabel wirtschaftet, ist es für Toni doch der nostalgische Aspekt, der zählt.

Das ist der Hammer

Die Herstellung eines handgefertigten Werkzeugs dauert einschließlich aller vorbereitenden Schritte etwa eine Stunde. Dabei ist es das Finishing, das die Betrachter so in den Bann zieht. Der letzte Arbeitsgang, der aus einem Metallbolzen einen ausgeformten Hammerkopf macht. Toni facht das Feuer in der Esse an, das bis jetzt nur vor sich hin glimmte. Das grobe Eisenstück ist schon mit einer angeschweißten Stahlplatte versehen, die für die notwendige Härte der Schlagfläche sorgen soll, während der Rest des Hammerkopfes seine Elastizität behält. Auch eine Spezialität des Hauses Más. Mit einem lautstarken Rattern kommt nun eine der beiden historischen Maschinen in Gang, die noch aus der Zeit des Manchester-Kapitalismus zu stammen scheinen. Der über einen Keilriemen mit Elektromotor angetriebene Schmiedehammer entwickelt eine Wucht, die kein noch so starker Schmied mit Muskelkraft aufbringen könnte. Die Schlagkraft lässt sich mit einem Fußschalter regulieren und so rammt das schwere Gerät den Hammerkopf in Form.

Die feineren Arbeiten an der Finne, wie die keilförmig zulaufende Spitze genannt wird, nimmt Toni mit der Hand vor. Wieder muss der Bolzen im Feuer geschmeidig gemacht werden, bevor die Öffnung für den Hammerstiel erweitert und angepasst wird. Nachdem der ohrenbetäubende Lärm endet und der fertige Hammerkopf nach einer Abkühlung im Wasserbad still vor sich hin dampft, schwelgt Toni in Erinnerungen. „Ich erkenne jedes Werkzeug, das ich selbst hergestellt habe. Woran genau, kann ich gar nicht benennen. Aber hier am Ort hat jemand einen Hammer, von dem kann ich definitiv sagen, dass ich den gemacht habe, als ich zwanzig Jahre alt war.“

Toni Mas in seiner Schmiede in Sineu.

Mit diesem Werkzeug kann man Pläne schmieden

Über die lange Lebensdauer der Werkzeuge wundert sich nur, wer seine eigenen mit weniger Sorgfalt auswählt. „Ein von Hand geschmiedeter Hammer hält bei täglicher Benutzung durchaus dreißig Jahre“, erklärt der Meister. Er greift ins Regal und holt ein Bündel Hämmer mit abgebrochenen Spitzen und tiefen Dellen auf der Schlagfläche hervor. „Diese hier haben Kunden zum Reparieren abgegeben. Das erledigen wir natürlich auch. Heutzutage nennt man Recycling, was unsere Vorfahren für selbstverständlich hielten, nämlich den Wert eines Gegenstandes zu bewahren.“ Ganz im Gegensatz zum Prinzip der Wegwerfgesellschaft und der für Elektronikgeräte inzwischen gängigen Obsoleszenz arbeitet Toni als Handwerker so, dass seine Produkte so lange wie möglich halten. „Manche Leute geben hier auch die Werkzeuge ihrer Väter ab, damit wir sie wieder in Schuss bringen. Sie selbst brauchen die Geräte vielleicht gar nicht, aber sie haben für sie einen emotionalen Wert.“

Handwerkliche Qualität aus der Schmiede von Toni Mas ist garantiert.

Man muss das Eisen schmieden, so lange es heiß ist

Im Prinzip stellt Toni in seiner Werkstatt noch immer die gleichen Werkzeuge her, die sein Großvater und sein Vater seit 94 Jahren für Landwirte, Maurer und Fachleute wie die Marger auf ganz Mallorca herstellten. Aber auch hauswirtschaftliche Utensilien für Feuerstellen oder Gartengeräte gehören zum Portfolio. Typisch mallorquinisch unter all den Alltagsgegenständen, die auf der Website aufgelistet sind, ist das Cáveg, eine Art Hacke, allerdings mit einer eigentümlichen spitzen Schaufelform. „In ganz Spanien habe ich noch kein ähnliches Werkzeug gefunden“, sagt Toni Más. Wer also auf seiner Finca gärtnerische Ambitionen besonders landestypisch ausleben möchte, sollte unbedingt bei dem Werkzeugschmied vorbei schauen. Selbst für diejenigen, die auf dem eigenen Grundstück weder mit Hammer noch Sichel hantieren, ist vielleicht ein rustikal-ländliches Dekorationsstück dabei. Und beim „Shoppen“ kann man auch noch zuschauen, wie aus einem Eisenstück ein Werkzeug wird. Das hat kein Baumarkt zu bieten!

Schmiede „Eines Mallorquines“

C/. de Bons Aires 38 in Sineu

www.einesmallorquines.com

Mo-Fr 8-13 Uhr, 15-19 Uhr

Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis, Archiv Eines Mallorquines

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