Verantwortungsvoll hinschauen

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Interview

Doris Kirch lebt seit 2002 auf Mallorca und ist Initiatorin einer der größten Facebook-Communities für Auswanderer nach Mallorca, die sie seit November 2014 betreibt. „Auswandern nach Mallorca (Anregungen und Tipps von Auswanderern)“ hat rund 15.000 Mitglieder, die sich dort austauschen. Sie selbst hat sich nach einer privaten Trennung für die Insel entschieden und verbindet ihr Facebook-Hobby mit dem Beruf, sie berät und hilft auch Auswanderern bei ihrem Wechsel nach Mallorca.

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EL AVISO: Warum wandert ein Mensch nach Mallorca aus?
Doris Kirch: Die Geschichten der Auswanderer sind sehr unterschiedlich. Die Gründe sind mannigfaltig, politisch, privat, da ist alles dabei. Der vielleicht häufigste Grund ist die Suche nach mehr Lebensqualität.

EL: Was erwarten Auswanderer auf Mallorca – mehr als Sonne und Meer? DK: Mehr Sonne, mehr Meer erwarten sie selbst – und zudem erwartet sie in der Regel mehr Arbeit. Das kollidiert schon mit dem was sich viele unter Lebensqualität vorstellen. Ich höre häufig Leute dazu sagen, wir möchten auswandern, um weniger zu arbeiten und gerade das funktioniert meistens nicht. Insbesondere, wenn man selbstständig ist, muss man meist mehr arbeiten als in Deutschland.

EL: Wie sehen die typischen Auswanderer aus?
DK: Es gibt keinen typischen Auswanderer. Unter den Auswanderern sind viele, die hier in der Gastronomie arbeiten. Das sind oftmals junge Leute, die ungebunden sind, und sie sollten sich auch von Anfang an bewusst sein, dass sie nach einer Saison überwiegend erst einmal arbeitslos sind. Dann kommen auch Familien nach Mallorca und es gibt die Rentner als eine weitere große Gruppe

EL: Was unterscheidet den „etablierten“ deutschen Residenten von gerade Ausgewanderten?
DK: Wenn sie mit Residenten die ehemaligen Auswanderer meinen, sind die in vielen Bereichen sehr viel abgeklärter und wissen, wie Mallorca tickt, auch weil sie ihre Fehler gemacht haben und zum Teil hart auf dem Boden aufgekommen sind. Die Pendler mit Zweit- oder Drittwohnsitz sehe ich eher nicht als Auswanderer.

EL: Inwiefern sind Auswanderer anderer Länder auf Mallorca anders?
DK: Es gibt auf Mallorca schon mehrere Parallelgesellschaften. Neben der deutschen beispielsweise eine englische, lateinamerikanische, arabische und eine chinesische Community. Da ich Mandarin-Chinesisch spreche, bekomme ich die Unterschiede ganz gut mit: Die Deutschen sind etwas lauter als die Chinesen, die allgemein im Hintergrund bleiben.
Viele Chinesen sind zudem bereit, die Sprache schneller zu lernen, mit Chinesisch kommt man natürlich hier nicht weit. Sie sind auch bereit, härter zu arbeiten und insgesamt anspruchsloser, leben teilweise ohne Wohnung in ihren Läden, weil sie ohnehin sieben Tage arbeiten.

EA: Von den 15.000 Mitgliedern Ihrer FacebookGruppe, wie viele leben auf Mallorca und wie viele planen noch auszusteigen?
DK: Das kann man ganz gut in den Admin-Tools von Facebook sehen – etwa dreiviertel unserer weltweiten Mitglieder leben noch nicht auf Mallorca. Da sind viele Auswanderungswillige dabei. Dabei sind aber auch Leute, die schon ausgewandert sind, Menschen, die sich informieren möchten oder konkret auswandern wollen oder auch einige, die zurückgewandert sind.

EA: Wie lange dauert es, bis so eine Entscheidung fällt?
DK: Auch das ist sehr unterschiedlich. Mich bestürzt das oft, wenn Leute ihr Land von jetzt auf gleich verlassen wollen, ohne großartig zu planen, aber auch das ist kein Grund zwangsläufig zu scheitern. Dann gibt es Leute, die planen zwei, drei Jahre. Je mehr Rücklagen man zur Verfügung hat, umso länger hält man durch, aber Planung ist auf jeden Fall wichtig. Das One-Way-Ticket ist eben nicht ausreichend.

EA: Wie wird die Auswanderung und die Zeit finanziert, bis Fuß gefasst ist, und was ist ihr Tipp dazu?
DK: Die Leute, die ich beruflich berate, haben meist schon Rücklagen. Sie haben gespart, bekommen beispielsweise Rente oder veräußern eine Immobilie in Deutschland. Und es gibt Leute, die mit sehr geringen Rücklagen nach Mallorca kommen, was eng wird. Meine Faustregel dazu ist: Schau, was du im Monat in deinem Heimatland brauchst, um den Lebensstandard zu halten und das musst du mal sechs oder besser acht nehmen, um hier eine Zeit lang zu überleben, wenn der Anlauf etwas schleppend voran geht.

EA: Was sind die meist gewählten beruflichen Tätigkeiten der Auswanderer?
DK:Die Auswahl ist in der Regel nicht so groß wegen der Sprachbarriere. Die Sprache vorher zu lernen, ist daher ein Vorteil. Ansonsten bleiben zwei große Bereiche: die Gastronomie und zum anderen sind das deutsche Call Center. Und dann natürlich die Selbstständigkeit in den unterschiedlichen Bereichen beziehungsweise als Mitarbeiter in Firmen anderer, selbständiger Auswanderer.

EA: Leere Kasse, Altersarmut – wie viele Auswanderer scheitern?
DK: Das ist kaum einzuschätzen, da die Rückwanderung meist sehr still vor sich geht, weil sich viele Auswanderer als gescheitert fühlen, wenn sie zurückgehen. Selbst wir wissen in der Facebook-Gruppe oftmals nicht, wenn jemand nach Deutschland zurückgegangen ist. Ich kenne jedenfalls niemanden, der wirklich freiwillig oder ohne wichtigen Grund zurückgegangen ist. Selbst wenn es finanziell eng wird, kleben die meisten wie Pattex an der Insel.


EA: Was raten Sie Menschen, die nach Mallorca auswandern wollen?
DK: Wenn man nach Mallorca kommt und keine Immobilie kaufen will, würde ich mich zuerst um eine Wohnung kümmern und dann um den Job. Die Mietsituation ist so desolat, dass man zunächst ein Dach über dem Kopf haben sollte. Wichtig sind noch die gesetzliche Krankenversicherung und die Überlegung sich privat zusätzlich zu versichern und auch, die Kinder in staatliche, halbprivate oder eine private Schule zu geben. Der internationale Sprachunterricht ist in der teureren privaten Schule meist besser, die sozialen Kontakte entstehen wegen der Nachmittagsbetreuung oftmals eher in staatlichen Schulen.

EA: …und die Sprache?
DK: Ja, man sollte die Sprache lernen. Wir verlangen immer gerne von Ausländern in Deutschland, dass sie deutsch lernen. Aber wir selbst sind im Ausland damit sehr zurückhaltend. Die Sprache in wesentlichen Teilen zu lernen, ist nicht nur für das Arbeiten wichtig, sondern einfach eine Frage des Respekts gegenüber dem Gastland.

EA: Was muss man beachten, um gute Chancen zu haben, Fuß zu fassen? DK: Da gibt es kein Rezept. Dazu gehört immer auch Glück, eine gute Gesundheit, oder die Frage: spielt der Partner mit. Letzteres ist nicht unbedeutend, viele sagen, Mallorca ist ein Beziehungskiller. Vielleicht weil die Versuchungen größer sind, oder es tauchen finanzielle Schwierigkeiten auf.

EA: Und die Frage, wer bei der Auswanderung wen überredet oder einen Gefallen getan hat?
DK: Die Frage sollte schon im vorneherein gestellt werden: wer will auswandern und macht das vielleicht ein Partner nur widerwillig mit? Selbst wenn es in der Familie beide Partner sind, die auswandern wollen, sind da ja oftmals noch die Kinder. Viele Kinder werden ausgewandert, die haben keine Wahl. Da sollte mancher verantwortungsvoller hinschauen.


EA: Was motiviert Sie, eine Facebook-Gruppe mit Leben zu erfüllen, Treffen und Jobbörsen zu organisieren?
DK: Das ist mein Thema, das macht mir Freude und ich brenne dafür. Auf so einer so großen Plattform kann man wirklich etwas bewegen und helfen, die Themen sind breit gefächert, wir haben Obdachlosen einen Job vermittelt, Tieren geholfen und vieles mehr. Ich kenne mittlerweile kein Wochenende und keinen Feierabend – wenn mir etwas einfällt, notiere ich mir das oder poste es auf Facebook. Und mein Mann liebt das auch und betreibt die Gruppe mit mir zusammen, ohne seine Unterstützung wäre das alles kaum möglich.
Facebook- Gruppe „Auswandern nach Mallorca (Anregungen und Tipps von Auswanderern)“ und Website: www.auswanderung.es
Das Gespräch führte Frank Heinrich Fotos: Diego Blanco