Wenige Kompromisse eingehen

Nach der Ausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz und am Lee-Strasberg-Institut, wurde Jochen Horst 1986 mit dem O.E. Hasse-Preis als Bester Newcomer des Jahres ausgezeichnet. Einem breiten Publikum bekannt wurde er in der Rolle des Sascha in der Fernsehserie „Das Erbe der Guldenburgs“. 1996 erhielt er für seine Rolle in der Krimiserie „Balko“ den Adolf-Grimme-Preis. Er wirkte in internationalen Produktionen mit wie 1990 in „Die Entführung der Achille Lauro“ mit Burt Lancaster und 1993 in “Der Zementgarten” und ist auch am Theater zu sehen. Der 59jährige ist in zweiter Ehe verheiratet mit Tina Horst und hat zwei Kinder. Wir trafen Jochen Horst in der Can Boni Galeria de Arte der Künstlerin Kate Kalashnikov in Palma.

EL AVISO: Nach der zweiten erfolgreichen Staffel von „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ spielen Sie jetzt bei Netflix in der Produktion „Jaguar“ einen KZ-Arzt. Was hat Sie daran, vielleicht auch an dem Gegensatz zur unterhaltenden Sitcom gereizt
Jochen Horst: Wenn eine Comedy stimmt, also gut geschrieben ist, stimmt es auch für mich. Wenn ich dann ein Angebot bekomme, was mit Comedy überhaupt nichts zu tun hat, eine Figur die zudem wie dieser KZ-Arzt historisch ist, ist es ein umso größerer Anreiz. Mein Beruf beruht zu 90 Prozent auf Recherche. Bei Comedy macht das weniger aus, bei der spanischen Produktion „Jaguar“ ist das so, dass die Figur des KZ-Arztes ausschließlich auf Recherche beruht. Das war eine großartige Erfahrung, ich konnte sehr viel lernen. Der Einsatz war zwar um 100 Prozent höher als bei Comedy, aber keineswegs Kraft raubend: Wenn ich abends nach Hause kam, war ich eher energiegeladen.

EA: Sie wollen nicht im Mittelpunkt stehen, bezeichnen sich nicht als Machertyp. Will man sich als Schauspieler nicht irgendwann so etwas wie ein Denkmal setzen?
JH: Nein, weil ich weiß, es ist alles vergänglich. Ich habe beobachtet, dass die Kinder von früh verstorbenen Freunden sich an ihre Väter überhaupt nicht mehr erinnern konnten. Heute ist das zwar nochmal anders, mit der Möglichkeit alles auf Film festzuhalten, aber trotzdem bleibt es nicht für ewig. Denken sie an Saddam Hussein, der hat sich Denkmäler gesetzt, die es heute nicht mehr gibt. Das mit Denkmälern hat alles keinen Sinn.

EA: Und Ihr Buch „Spielen amerikanische Schauspieler besser?“…
JH: Das war ein Projekt, das ich machen wollte, weil es keine deutschen Schauspieler gibt, die über ihren Beruf schreiben. Alles, was ich im Buchhandel fand, waren Sachbücher und Biografien amerikanischer und englischer Kollegen. Der Grund ist, die englische Kultur ist aktiver, wir Deutschen sind sehr faul. Ein Vorwurf, den ich auch an meine Kollegen weitergebe: Man schreibt nicht nur Bücher, um Geld zu verdienen! Ein Teil der Einnahmen meines Buches geht deshalb an eine Stiftung, um klar zu machen, was ich will: Es ist auch ein Buch für das Publikum, ein wenig autobiografisch, aber eben vor allem auch eine Hilfestellung für junge Kollegen.

EA: Spielen die amerikanischen Kollegen denn besser?
JH: Wenn man die Frage mit Ja oder Nein beantworten könnte, hätte ich kein Buch geschrieben (lacht). Man muss sich die Geschichte des Theaters und des Films in den einzelnen Ländern anschauen. Wenn man das berücksichtigt, kommt man nicht unbedingt zu dem Ergebnis, das die amerikanischen Schauspieler besser sind, aber die englischen Schauspieler sind in der Regel besser als die amerikanischen. Das ist seit Jahrzehnten so, und den Grund beschreibe ich im Buch.

EA: Was gehört denn zu einem guten Schauspieler?
JH: Das sind viele Dinge. Für mich ist das hauptsächlich Passion und dass er nicht kaufmännisch denkt, damit meine ich, dass er in seinem Beruf sicherlich nicht kompromisslos ist, aber nur sehr wenig Kompromisse eingeht. Es gibt einen Unterschied zwischen Schauspielern, die künstlerisch denken und denen, die kaufmännisch denken und reich werden wollen. Das sieht man auch am Ergebnis, und das ist schade. Hinzu kommt, es gibt viele große Talente in diesem Land, aber es gibt kein Interesse mehr, Schauspielkunst zu sehen oder zu erkennen. Film und Kino sterben nicht an Corona, sondern hängen schon lange am Tropf, Corona hat das nur beschleunigt.

EA: Welches Gewicht hat die Improvisation, auch als Teil eigener Interpretation?
JH: Die größte Rolle. Wer die Improvisation nicht beherrscht, wird es als Schauspieler sehr schwer haben. Ein Vergleich: Viele Maler glauben, wenn man viele Farben zur Verfügung hat, malt man ein gutes Bild. Das ist nicht der Punkt, es geht darum, wie man die Farben einsetzt, und auch weiß, wie Farben unterschiedlich wirken können, durch Beleuchtung, durch Platzierung und so weiter. Improvisieren heißt, in der Lage zu sein, diese Technik zu beherrschen, und sie brauchen aber gleichzeitig einen guten Regisseur, der das so einleitet, dass sie es für die Szene gebrauchen können.

EA: Mir hat mal ein Kollege von Ihnen gesagt, viele Schauspieler finden aus ihrer Rolle nicht mehr zurück zu sich selbst. Ist das eine Gefahr der Schauspielerei?
JH: Ja, für die guten Schauspieler ist das eine Gefahr. Aber da kann ich Sie beruhigen, in Deutschland passiert das nicht. Es gibt eine Studie, nach der Schauspieler, die nach bestimmten Techniken arbeiten, nicht mehr unterscheiden können, was Rolle und was Realität ist. Ich beschreibe das auch in meinem Buch. Ich selbst habe das Problem, wenn ein Kollege eine negative Rolle spielt, ihn privat positiv zu empfinden, und zwar während des Theater- oder Film-Spielens, davor oder danach ist das kein Problem.

EA: Gibt es deutsche Vorbilder für Sie oder Schauspiel-Leistungen, die Sie bewundern?
JH: Ich bin für das Theater ein großer Bernhard Minetti-Fan gewesen. Beim Film ist es bei mir eher so, dass es eine Reihe von Schauspielern gibt, bei denen ich denke: Das ist eine gute Szene gewesen.

EA: Ein ganz anderes Thema: Inwieweit wird aus Ihrer Sicht die schauspielerische Arbeit von der Meetoo-Debatte beeinflusst?
JH: Ja, leider wir unsere Arbeit dadurch beeinflusst. Schauspiel besteht nun mal aus Political Incorrectness. Die Debatte war nötig, aber sie hat mehr Schaden angerichtet als das sie Spannung erzeugt hat. Und da gibt es unglaubliche Widersprüche. Es gibt 35-jährige Kolleginnen, die sich auf Instagram mit ihren 15-jährigen Töchtern in einer Art präsentieren und vergleichen, wo ich mich nach der Meetoo-Debatte frage, was das denn soll. Meine Generation ist zum Teil noch anders aufgewachsen, es gab mehr Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen. Ich wäre später und würde auch jetzt nie auf die Idee gekommen einer Frau einen Mann vorzuziehen, nur weil er ein Mann ist.

EA: Filmaufnahmen bedeuten oft sehr intensives Arbeiten. Da entstehen persönliche Beziehungen und auch Enttäuschungen. Ist das nicht für Frau und für Mann per se ein gefährliches Pflaster?
JH: Dieser Beruf hat wie Kunst immer sehr viel mit Sex zu tun. Das gehört dazu und das lässt sich nicht leugnen. Man hat eben bestimmte Szenen zu spielen. Das ist aber nicht nur ein Frauen-Thema: Eine Kollegin hat mir beispielsweise mal auf den Po gehauen und mit Mitte Zwanzig hatte ich wie andere Kollegen auch ständig eindeutige Angebote von Männern bekommen. Das muss dann jeder für sich selbst entscheiden.

EA: Wie wirkt sich die Political Correctness aus?
JH: Ich selbst merke, ich bin schon vorsichtiger geworden bei lockeren Sprüchen. Problematisch wird es, wenn da schon eine Hemmschwelle ist, Aussagen aus dem Drehbuch zu sagen oder Szenen zu spielen. „Ficken“ ist im Drehbuch nur ein Wort, aber wir bestrafen uns mit der Bedeutung selbst, dass wir es nicht sagen wollen. Wenn das einem Schauspieler passiert, ist das ein ganz schlechtes Zeichen.

EA: Mallorca ist seit 1995 Ihr Rückzugsort. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?
JH: Das Schöne ist, ich muss nicht mehr in den Urlaub fahren. Als ich noch in Berlin lebte und nach Hause kam, habe ich dann schnell versucht für eine Woche oder länger irgendwo hinzufliegen, um runter zu kommen. Jetzt hier auf Mallorca bin ich im Grunde nach vier Tagen wieder einsatzfähig.

EA: Wie entspannen Sie – auf dem Sofa oder beim Sport?
JH: Nein, Bequemlichkeit ist für mich der Tod. Ich trage deshalb zuhause auch nie Hausschuhe, sondern immer nur Straßen- oder Turnschuhe, ich muss einfach immer beweglich bleiben. Auf den Sofas sitze ich eher wenig, mir fällt so etwas schwer. Wenn ich Kollegen oder Bekannte sehe, die zwei, drei Stunden im Restaurant sitzen, wäre das für mich eine Qual. Ich gehe gerne Essen, mache da aber keine Sitzung draus. Andererseits muss ich auch nicht zwanghaft Tennis oder Golf spielen, um Freizeit zu haben.

EA: Sind Sie denn nach Stationen in England, Australien und Frankreich nun angekommen?
JH: Nein, überhaupt nicht. Das wäre auch schlimm. Angekommen zu sein, wäre für mich das Ende (lacht).

EA: Was ist Ihnen bei der Kindererziehung wichtig?
JH: Die Frage ist, ob man Kinder überhaupt erziehen kann. Mein Sohn ist 17 Jahre alt und die Erziehung findet für mich eigentlich erst jetzt statt. Das liegt natürlich auch daran, dass sich meine Frau immer um alles gekümmert hat. Wichtig war mir immer, den Kindern klar zu machen, dass Vorurteile nicht immer schlecht sind, weil sie auch ein Schutzmechanismus sein und eine bestimmte Form von Sicherheit geben können. Man muss nur wissen, wo die Grenzen sind, wo man sich selbst nicht dadurch behindert, und das ist sehr schwer zu vermitteln.

EA: Was sagen Sie Ihren Kindern, wenn Sie heute in Corona-Zeiten von ihnen nach Verschwörungstheorien gefragt werden?
JH: Wenn es eine ernst zu nehmende Verschwörungstheorie zu Corona gäbe, wäre ich froh, dann hätten wir wenigstens eine Erklärung. Theorien haben ja ihre Daseinsberechtigung, denn sie beruhen auf Fakten. Auch eine Verschwörungstheorie kann in zwei Richtungen gehen, Plot driven oder Character driven. Wenn etwas Plot driven entsteht, also eine Aktion führt zu einer nächsten Aktion, ist das faktenbezogen und man könnte es als Theorie annehmen. Ist sie Character driven schließt Sie Reaktionen und Handlungen von Menschen ein, die in ihrer Komplexität unmöglich vorhersehbar sind. Als Beispiel 9/11 (Anm. d. Red.: Flugzeug-Attentat in New York): Da gibt es auch verschiedene Verschwörungstheorien, die aber auf Fakten beruhen, die nur anders ausgelegt werden. Die finde ich schon wieder interessant.

EA: Ich habe mich bei Bewerbern eine Zeit lang mit einer Frage unbeliebt gemacht: „Was soll mal auf Ihrem Grabstein stehen“. Ihre Antwort dazu?
JH: Eigentlich ist mir das egal. Mich hat mal jemand gefragt, was sagst Du denn dazu, wenn niemand zu Deiner Beerdigung kommt? Das interessiert mich nicht, habe ich gesagt. Aber zu Ihrer Frage zurück. Vielleicht: Gott sei Dank, ich habe es hinter mir (lacht).

Das Gespräch führte Frank Heinrich

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