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Interview

Er ist bekannt als Kriminalbeamter Kalle Feldmann in der TVSerie „Die Männer vom K3“ (1987-2000), spielte in über 100 Hauptrollen, auch am Theater, lieh Kollegen wie Eric Forrester (Reich und schön) oder Richard Griffiths (Harry PotterFilme) seine Synchronstimme, war als Journalist unterwegs, veröffentlichte zahlreiche Romane und ist auch mit 86 Jahren noch e in leidenschaftlicher Weltreisender. EL AVISO besuchte Harald Dietl in seiner Wohnung in Cala Blava, wo er seit 1975 mit seiner Frau Helga einige Monate im Jahr lebt.

EL AVISO: Nach einer Schriftsetzer-Lehre kamen Sie zum Journalismus, waren nach einer Schauspielausbildung mit dem Theater auf vier Kontinenten unterwegs und sind seither Buchautor, Schauspieler und Reisender. Gibt es für Sie einen Ruhestand?
Harald Dietl: Ruhestand, was ist das? Ich kann nicht nichts tun. Das heißt nicht, dass ich es nicht fertigbringe, stundenlang in der Hängematte zu liegen und etwas zu lesen oder Texte zu lernen. Und außerdem: Ruhestand an der Seite meiner Frau, das geht gar nicht. Wir sind immer aktiv und können uns nicht vorstellen, einfach nur in der Sonne zu liegen.
EA: Wie kam es zu der ungewöhnlichen Kombination von Reisejournalismus, Schriftstellerei und Schauspielerei?
HD: Das hat sich ergeben, ich hatte im Alter von 25 Jahren die Gelegenheit, mit einer Theatergruppe zu reisen und Kontakte zu unterschiedlichen Tageszeitungen wie den Tagesspiegel. Die haben gesagt: Was, du fährst nach Südamerika, das interessiert uns. So fing ich an zu schreiben. Das hat sich dann immer so weiterentwickelt. Später, bei einem Gastspiel in Wien, las ich in einer Zeitung, dass der dortige Lehrerverband eine Einladung der chinesischen Volksrepublik annimmt. Denen habe ich geschrieben, ich wäre zwar kein Lehrer, würde aber gerne berichten. Der Weltspiegel-Chef von der ARD hat mir damals gesagt: Junger Mann, da ist Bürgerkrieg, Kulturrevolution, wenn sie da lebend rauskommen, interessiert mich ihr Bericht. Ich bin also auf die Reise gegangen mit der neuesten Super-AchtFilmkamera, später haben wir es auf das Sendeformat 16 mm aufgeblasen.
EA: Waren die Gefahren in touristisch wenig erschlossenen Ländern für Sie nie ein Hindernis?
HD: Im Sozialismus ist das einfacher: Wenn sie als Gruppe mit 18 Personen in China reinkommen, und auch noch über Russland einreisen, haben die Chinesen die Verantwortung, dass auch 18 Personen wieder raus gehen. Wenn man nicht gerade goldene Löffel klaut oder ein politisches Plakat abnimmt, passiert nichts.

EA: …und die Schauspielerei?
HD: Schauspieler wollte ich schon als Kind werden, eine Rolle zu gestalten, hat mich immer fasziniert. Eine Lieblingstante hat mir sehr früh alte Ausgaben von Shakespeare geschenkt, die habe ich zum Leidwesen meiner Eltern nicht gelesen, sondern gefressen und wusste genau, wegen des Lears, des Benedikts, des Petruchios muss ich zum Theater gehen. Zwei Rollen habe ich davon auch später gespielt, den Petruchio und den Lear. Eigentlich war von zuhause aus für mich eine akademische Laufbahn vorgesehen, daraus wurde nichts.
EA: Ein Schauspiel-Kollege hat mir einmal die Gefahr beschrieben, sich in Rollen zu verlieren. Wie empfinden Sie das?
HD: Ja, man ist einer Rolle eine Zeit lang verhaftet. Als ich den Jedermann gespielt habe, berichtet meine Frau, dass ich nachts oftmals im Schlaf aufgesessen bin und geschrien habe: Nein, ich will noch nicht sterben. Aber das ist die Zeit der Rolle und ich kann Rollen vom Leben sehr gut trennen.
EA: Was ist für Sie bei der Interpretation von Rollen entscheidend?
HD: Für die Beziehung zum Publikum ist wichtig, dass man den Grund verständlich macht, warum die dargestellte Person so ist, wie sie ist. Im angenehmsten Fall ist die Person trotz allem sympathisch. Den Volks-schauspieler Hans Moser habe ich einmal gefragt: Sie spielen immer den grantelnden, den nuschelnden, wieso sind sie trotzdem beliebt? Er hat gesagt, Du kannst ein Nörgler sein, aber ein sympathischer Nörgler musst du sein. Dazu gehört irgendwo darzustellen, warum man ein Nörgler ist.

Harald Dietl mit Ehefrau Helga

EA: Bei Ihrer ersten Theatertour in Chile haben Sie 1958 als Publikum sowohl die geflüchteten Nazis wie auch die jüdischen Exil-Deutschen erlebt. Später haben Sie „Des Teufels General“ gespielt. War für Sie ein politisches Engagement irgendwann eine Option?
HD: Nein, überhaupt nicht. Ich kann mich an die 68er erinnern, die waren bereit 24 Stunden im Theater auf der Bühne zu verbringen für Protest und Diskussionen, aber die drei Stunden, wo sie spielen sollten, da waren sie erschöpft. Das hat mich eher abgeschreckt.
EA: Was ist im Laufe der Zeit als Schauspieler anders geworden?
HD: Alles ist schneller und kurzfristiger geworden. Früher wusste ich beispielsweise ein Jahr im Voraus, welche Rolle ich beim Sender spielen werde. Das hatte den Vorteil, dass ich mich intensiv mit dem Text befassen konnte. Heute werde ich wenige Wochen vor dem Dreh verpflichtet und für die unterschiedlichen Abstimmungen mit den verantwortlichen Beteiligten ist kaum noch Zeit.
EA: Wie kommen Sie auf Ihre Themen und wie entwickeln Sie ein Buch? HD: Bei jedem Buch weiß ich, wie es anfängt und wie es aufhört, zwischen drin ist die ganz große Gefahr, dass man sich verläuft. Da ist dann aber meine Frau als erste Kritikerin, und wir haben Diskussionen, die mir sehr helfen, den Weg beizubehalten. Ein Thema zu finden verläuft unterschiedlich. Beim Krimi gab es beispielsweise in einer Zeitung eine fünf- bis siebenzeilige Notiz über einen Mord von einer Prostituierten an einem Mainzer Geschäftsmann in Amerika, die ich nach Jahren beim Aufräumen wiedergefunden habe. Amerika, da wusste ich dann zu wenig, also habe ich den Stoff des Krimis nach München verlegt, und habe auch die Amerikaner nach München geholt.

EA: Ihre Bücher spielen in Südostasien, eines in Kenia, wann kommt der Mallorca-Roman?
HD: Dazu gibt es zu viele.
EA: Sie sind immer einige Monate im Jahr auf Mallorca. Was ist für Sie das Besondere an dieser Insel?
HD: Wie wir 1974 hier im Urlaub waren, haben wir uns alles angeschaut. Und irgendwann sagte man uns, Cala Blava, da ist nichts. Und ich habe gesagt, dieses Nichts will ich sehen. Und dann kamen wir hierher und der Blick war es, der uns an diesem Ort festgehalten hat. Hinzu kommt, Mallorca ist kulturell sehr vielfältig. Wir unternehmen hier sehr viel, gehen in die Oper ins Teatre Principal, zu Konzerten auf dem Schloss Bellver oder nach Son Marroig (Marratxi), zu Ausstellungen und so weiter. Außerdem spielen wir Golf, was man hier ja hervorragend kann.
EA: Wenn Sie an Mallorca und Deutschland denken – was bedeutet für Sie Heimat?
HD: Ich kann nur sagen, ich bin hier zuhause und ich bin in München zuhause und wir fl iegen immer von zuhause nach zuhause. Also ich habe es aufgegeben, in Mallorca in irgendein Reisetagebuch zu schreiben, was ich erlebt habe. Ich schreibe in München ja auch nicht, ich war heute Leberkäse essen. Hier trifft zudem die Familie regelmäßig aufeinander: Kinder, Enkelkinder, Urenkel. Heimat ist da, wo man sich wohl fühlt.
EA: Sie haben in einem Interview von Schicksal, von „höheren Bestimmungen“ gesprochen. Welche Bedeutung hat für sie Gott?
HD: Ich gehe sehr oft auf Theatertourneen in Kirchen aller Art, helle große Bauten, dunkle Kirchen wie den Mailänder Dom. Das sind für mich Oasen der Besinnung. In meinem Leben habe ich schon sehr oft Grund gehabt zu sagen: Dankeschön lieber Gott.
EA: Sie haben eine große Familie. Was ist Ihnen wichtig, an die nächsten Generationen weiterzugeben?
HD: Kinder brauchen die Gelegenheit, in die Welt zu fahren, mit anderen Menschen zu sprechen. Das ist die einzige Möglichkeit zu sehen was ist, auch was sich verändert und Toleranz zu lernen. Wir haben das immer unterstützt und unsere Kinder haben das bei Ihren Kindern ebenso gefördert. Wir haben ein sehr enges Verhältnis zu unseren Kindern und Enkelkindern, tauschen Erfahrungen aus, lernen dabei selbst, das hält jung.
EA: Würden Sie mit Ihrer Erfahrung heute gerne noch mal jung starten? HD: Sofort! Mit dem Wissen von heute muss das doch wieder funktionieren.
EA: Sie haben einmal Peter Ustinov zitiert: „Alte Männer sind gefährlich. Denn sie können endlich sagen, was sie denken.“ Was würden Sie als jung gebliebener 86jähriger gerne sagen?
HD: Wichtig ist Toleranz, Transparenz, vor allem der Jugend und einer anderen Zeit gegenüber. Dennoch gibt es Dinge, die ich nicht bereit bin, zu tolerieren. Was mich wahnsinnig macht ist, wenn ich mit jemanden verabredet bin, und als erstes legt der sein Mobiltelefon auf den Tisch. Da möchte ich immer sagen: Entschuldigung, bin ich so unwichtig? Oder ich beobachte, egal wo, in New York oder hier, ein Pärchen schaut die Speisekarte, bestellt und dann beschäftigt sich jeder mit seinem Smartphone. Wo bleibt denn die Kommunikation miteinander? Weitere Infos: www.haralddietl.de

Das Gespräch führte Frank Heinrich, Fotos: Diego Blanco

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