Wo wir sind, da ist Party!

Die Xeremies de Soller auf dem Marktplatz der Stadt. Werden sie zum 20. Gründungstag der Gruppe spielen können?

Die Xeremiers de Sóller feiern 2021 den 20. Jahrestag ihres Bestehens. Feiern? Ein gewagtes Wort in der heutigen Zeit. Derzeit schwelgt die Volksmusik-Truppe in Erinnerungen und Hoffnungen.

Es ist Samstag in Sóller, die Frühlingssonne scheint, und auf dem Markt schlendern die Leute an den Ständen entlang. Nur die Stille ist ungewöhnlich. „Normalerweise spielen wir um diese Zeit auf dem Platz vor der Kirche und dann ist hier richtig was los“, sagt Guillem Serrano, Präsident der Xeremiers de Sóller. Die Volksmusiktruppe sorgt mit ihren Klängen aus Dudelsäcken, Flöten und Trommeln für Stimmung, egal wo sie auftritt. Menschenaufläufe und frei fliegende Aerosole sind jedoch wegen Corona gerade ein unerwünschter Nebeneffekt von überbordender Lebensfreude, und so bleiben die Instrumente stumm. Statt Musik ist lediglich die Straßenbahn zu hören, die mit lautem Quietschen um die Kurve fährt. Zusammen gekommen ist ein kleiner Kern der Xeremiers an diesem Tag nur für das Freiluft-Interview.

„Ich vermisse unser regelmäßiges Zusammensein“, bedauert Maria de Lluc Fiol und ihre Finger trommeln dabei lautlos auf ihrem tamboril herum. „Die Leute sind meine Familie. Sonst treffen wir uns fast täglich zu Proben oder Auftritten. Bei den Fiestas spielen wir stundenlang miteinander.“ Der größte Spaß des Jahres ist für die Xeremiers de Sóller die Fiesta de Moros y Cristianos, ein Spektakel, das mit viel Pomp, Feuer und Theaterdonner im Mai gefeiert wird. Als sie das Video vom vorletzten Jahr auf dem Handy vorführen, kommentieren die Musiker voller Begeisterung den kostümierten Aufmarsch der Xeremiers. Es ist ihnen anzumerken, dass sie derzeit nicht wissen wohin mit ihrer Energie, die sie seit Jahren in ihre Leidenschaft stecken.

Auftritt der Xeremies de Soller bei der Fiesta de Moros y Christianos in Soller 2019.

Vom Hofinstrument zum Hirten-Alarm

Zwanzig Jahre ist es her, dass sich die Vereinigung der Xeremiers de Sóller gegründet hat. Sie war eines der ersten Dudelsack-Ensembles auf Mallorca, denn zuvor traten die Spieler der traditionellen Instrumente meist nur als Duos auf. Einer spielt die Sackpfeife (xeremia), ein zweiter bedient gleichzeitig die Einhandflöte (vlabiol) und die Handtrommel (tamboril). Diese Kombination ist die wohl älteste musikalische Formation auf Mallorca und gehört zum festen Bestandteil der hiesigen Volksmusik. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Gebrauch des Dudelsacks auf der balearischen Insel allerdings eine erstaunliche Wandlung vollzogen. 

Wie in ganz Europa war im Mittelalter auch auf Mallorca das Instrument Teil der höfischen Kultur. Im 14. Jahrhundert wurde ein gewisser Joan de Mascum als Sackpfeifenspieler des Königs erwähnt. Aus der gleichen Zeit stammt die älteste Abbildung eines Dudelsacks auf der Insel – am südlichen Portal von Palmas Kathedrale bläst eine Engelsfigur das Instrument. Allerdings sank offenbar irgendwann das Ansehen des Dudelsacks, denn in späteren Zeiten etablierte es sich als ländliches Alarmsystem. Die Besitzer von Schafherden verpflichteten ihre Hirten dazu, ihn während der gesamten Nacht zu spielen, damit sie wach und vor allem wachsam blieben. „Den Hirten ist es zu verdanken, dass der Dudelsack in unserer musikalischen Tradition überhaupt überlebt hat“, erklärt Guillem Serrano. Seit nämlich in den 1950er Jahren allmählich der Tourismus über die Insel schwappte, entdeckten die Hüter der Herden, dass sich in der Unterhaltungsbranche etwas dazu verdienen ließ, und traten in Hotels auf. Den Gästen gefielen die authentischen Darbietungen, und weil auch die Herdenzucht weiter zurückging, verdingten sich viele der noch übrigen Xeremiers als Hobby-Künstler. Sonst wäre der Dudelsack vermutlich als Überbleibsel einer alten Epoche in Vergessenheit geraten.

Maria de Lluc Fiol zeigt die traditionelle Spielweise mit Flöte und Trommel gleichzeitig.

Mit Experimenten zum perfekten Ton

Einen Aufschwung nahm die Musik, als sich in den 1970er Jahren junge Leute für die Tradition zu begeistern begannen. Sie bereisten die Insel und ließen sich von den alten Hirten in die Kunst des Dudelsackspiels einweisen. Es gab damals weder Noten noch Bauanleitungen für das Instrument, alles musste mühsam bewahrt und neu aufgeschrieben werden. Man sammelte an Dudelsäcken ein, was bei den Schäfern noch zu finden war, schaute sich die Geheimnisse ab und baute dann eigene Instrumente. Joan „Piu“ Marroig, der Dudelsackbauer der Xeremiers de Sóller erklärt an den Musterhölzern, die er mitgebracht hat, wie vielfältig die Gestaltung der Pfeifen und damit die Töne sein können. Dabei orientiert er sich nicht nur an den alten Mustern der Inseltradition, sondern auch an den Meistern von Galicien und – wen wundert es – von Schottland. Seine Auswahl reicht von Olivenholz über das afrikanische Schwarzholz Grenadill, die gelbliche Ponderosa-Kiefer, elegante mallorquinische Mandelhölzer, Zeder, Aprikose, Buche, das Königsholz der Dalbergia cearensis bis zum seltenen Sperberbaum, der auf Katalan Servera heißt. Den eigentlichen Sack stellten die Hirten früher aus der Haut einer Ziege her, heute wird er aus dekorativem Stoff gearbeitet, in dem ein Luftsack aus Sympatex steckt. Joan „Piu“ baut seit 1998 Sackpfeifen. Wie so viele der Dudelsackbauer ist er Autodidakt und hat sich durch Experimentieren und Erfahrungen sein Können selbst beigebracht. 

Instrumentenbau ist Kunsthandwerk

Der andere Instrumentenbauer der Truppe ist Tomeu Amengual. Seine durchdringend klingenden Trommeln sind gestalterisch kleine Meisterwerke. Aufwändig ist offensichtlich nicht so sehr die eigentliche Herstellung – 4 mm starkes Holz wird zu einem Zylinder gebogen, oben und unten mit Ziegenfell bespannt und mit Metallreifen befestigt. Doch die eingravierten Verzierungen aus Wappen, Medaillons und anderen Ornamenten machen das Instrument zu einem Hingucker. Ein Tamboril ist nicht unter 200 Euro zu haben, ein Dudelsack kostet, abhängig vom Modell, um die 2.000 Euro. „Das ist viel für jemanden, der ihn kaufen will“, sagt Juan „Piu“, „aber wenig für jemanden, der ihn spielen kann.“

Reich verzierte Trommel aus der Werkstat von Tomeu Amengual

In sieben Jahren zum Meister

Wie kompliziert ist es eigentlich, die Sackpfeife zu beherrschen? „Man braucht musikalisches Gehör und eine kräftige Kiefernmuskulatur, um das Instrument gleichmäßig mit Luft zu versorgen“, erklärt Guillem Serrano. „Der Luftstrom, durch den die Pfeifen ihre Töne erzeugen, wird mit regelmäßigem Druck auf den Sack reguliert.“ Cisco Rei, einer der Xeremiers von Sóller, warnt lachend: „Wenn man beginnt zu lernen, ist es anfangs furchtbar für die Familie, aber nach einem halben Jahr fängt es an gut zu klingen.“ Bis man es wirklich kann, vergehen in etwa zwei Jahre. In einem alten mallorquinischen Gedicht heißt es, man braucht sieben Jahre, um die Xeremia meisterhaft spielen zu können.

Die Instrumente der Fiestas

Aber ein Dudelsack macht noch kein Orchester. Damit sich Bandas wie die Xeremiers de Sóller mit ihrer 15-köpfigen Besetzung bilden konnten, musste zunächst an der Produktion gefeilt werden. Als in den 1990er Jahren auf Mallorca ein Boom der Dudelsackspieler einsetzte, entwickelten sich auch Standards im Instrumentenbau. Diese ermöglichten es erst, dass mehrere Spieler harmonisch miteinander musizieren konnten. „Auf der Insel existieren inzwischen etwa zehn Bandas“, sagt Maria, „aber es gibt bestimmt 800 Xeremiers auf Mallorca.“ Bei lokalen Festen und internationalen Festivals auf der Insel kommen regelmäßig alle Xeremiers zusammen. So wie die Sackpfeifen im Duo von Hirtenflöte und Trommel begleitet werden, gehören auch zu jeder Xeremiers-Gruppe die Spieler von vlabiol und tamboril dazu. Maria führt vor, wie sich gleichzeitig Flöte und Trommel bedienen lassen. Die Töne, die sie für die kurze Vorführung hervorbringt, sind kraftvoll und energetisch. Gleich lösen sich ein paar der wenigen Kauflustigen von den Marktständen und folgen dem Geräusch, als sei der Rattenfänger von Hameln unterwegs. Würde jetzt noch ein Dudelsack einsetzen, wäre es vorbei mit der Corona-Disziplin. „Das sind die Instrumente der Fiestas“, sagt Maria. „Wenn man diese Musik hört, kommen die Leute auf die Straße. Wo wir spielen, da ist Party!“

Reich verzierte Trommel aus der Werkstat von Tomeu Amengual

Neues Logo statt großer Feier

Mit Party wird es wohl vorläufig nichts im Jubiläumsjahr der Xeremiers de Sóller. Statt groß zu feiern, hat sich die Truppe zumindest ein neues Logo gegönnt – eine Ziege unter einem Orangenbaum mit dem Schriftzug ihres Namens. Aber sobald draußen wieder irgendwo etwas los ist, wird man die mallorquinischen Töne hören, die zu den Wurzeln der Tradition gehören und die dank engagierter Musiker wie denen von Sóller im Laufe der Jahre zu einem Trend geworden sind.

www.xeremierssoller.com

Christiane Sternberg, Fotos: Marcos Gittis, Guiem Serrano, Tomeu Amengual

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